Seitentriebe und andere Wege

Vor kurzem ging ich mit meinem Seminarpartner nach einem erfolgreichen Arbeitstag auswärts essen und mit Blick in die Speisekarte mussten wir beide schmunzeln. Kutteln war eines der angebotenen Menüs! Entweder fragen Sie sich jetzt, warum und wieso wir bei Kutteln schmunzeln müssen...


... oder Sie erinnern sich an die Szene in der zweiten Folge der Serie "Seitentriebe", die gerade eben im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wurde. 

 

Eine Fernsehserie, die die Sexualität von Paaren und insbesondere von langjährigen Paaren thematisiert und ganz verschiedene Aspekte, Wege und eben auch „Seitentriebe“ zeigt. Es ist eine interessante und amüsante Serie, die einiges an Diskussionsstoff bietet. So weiss ich von einigen Paaren, die dadurch inspiriert wurden über ihre eigene Beziehung und Sexualität zu sprechen und auszutauschen. Sprachlosigkeit ist eines der grossen Themen in langjährigen Paarbeziehungen. Genau daran leiden auch Monika und Heinz in dieser Serie: ein seit vielen Jahren verheiratetes Paar mit Kindern, wenig bis routinemässige Sexualität, die weder ihn noch sie in Verbindung bringt, geschweige denn Befriedigung schenkt. Sie nehmen sich bewusst wieder mal Zeit als Paar und gehen miteinander auswärts essen. Ganz enthusiastisch schlägt er beim Studieren der Menükarte vor, sich gegenseitig zu verraten, was sie gerne mal ausprobieren würden, aber sich vielleicht ein bisschen dafür schämen. Nach einigem Zögern sagen sie es gleichzeitig: sie: Analsex! – er: Kutteln! Sie tauchen in beschämtes und betretenes Schweigen... Auch wenn ich bei dieser Szene erst einmal lauthals lachen musste, die Betroffenheit über die Sprachlosigkeit  die sich im Verlauf der Geschichte weiter steigert, hat mich den Atem anhalten lassen.

 

In einer langjährigen Beziehung ist es schlicht anspruchsvoll, nicht in der Alltagsroutine von Verantwortungen und Aufgaben zu landen und gut funktionierend nebeneinander mit wenig bis gar keiner körperlichen Nähe und Sexualität mehr zu leben. Es gibt Paare, die versuchen, mit Sextoys, Rollenspielen, Partnertausch usw. ihre körperliche Anziehung aufzufrischen. Diese Impulse können tatsächlich hilfreich sein und auffordern, miteinander in Kontakt über eigene Bedürfnisse, Ängste und Wünsche zu kommen. Es kann aber auch genau das Gegenteil passieren, wenn solche Bemühungen, der Beziehung Schwung zu geben, in der Aktivität stecken bleiben und wirkliches Spüren und bewusste Auseinandersetzung -  mit allem was damit ausgelöst wird -  nicht stattfinden.

 

Nele und Gianni, ein anderes Paar in "Seitentriebe", haben sich in Berührungsübungen geübt, um wieder mehr körperliche Nähe zu kultivieren und bewusst miteinander in Kontakt zu kommen. Leider scheiterte dieser Versuch relativ schnell an der konflikthaften Paardynamik und sie gaben beide frustriert auf. Auch wenn es für die einen oder anderen möglicherweise gewöhnungsbedürftig erscheint, kann es sehr unterstützend sein, genau an dieser Stelle als Paar nicht alleine zu sein. Der Rahmen einer begleiteten Paarmassage kann hilfreich sein, die Absichtslosigkeit und die Rolle des Empfangens und Gebens zu halten und dadurch neue Erfahrungsräume zu öffnen. Im Empfangen: nichts zurückgeben müssen oder wollen, seinen eigenen Körper spüren, sich wohl und richtig fühlen darin und sich als sinnliches, lebendiges und sexuelles Wesen wahrnehmen - ohne Erwartungen zu erfüllen oder etwas leisten zu müssen. Im Geben: berühren ohne sich etwas zu holen, ohne die Absicht Lust zu erzeugen oder sie zu verhindern. Den Raum, die Präsenz und bewusste Berührung schenken, die ermöglicht, dass der Partner oder die Partnerin loslassen und sich seinen Empfindungen und seinem Erleben hingeben kann. Dieser absichtslose Kontakt und bei sich selber bleiben können, kreieren ein Feld der Wertschätzung, des Respektes, der Selbstregulation und aktiviert sehr oft den Liebesfluss zwischen den Paaren neu. Durch meine Präsenz und Unterstützung in dieser Vierhandmassage entlaste ich die gebende Person. Sie muss sich nicht anstrengen, sich bemühen und leisten, sondern darf erleben, dass Geben auch Entspannung sein kann. Nebenbei lernen beide eine Menge über verschiedene Berührungsqualitäten, Langsamkeit, Absichtslosigkeit, Sitzpositionen, Handgriffe usw. Es ist ein genuss- und lustvolles Lernen und Erfahren, das einen neuen verbindenden Boden wachsen lässt und die trennenden Aspekte in ein neues Licht rückt, die auch im begleitenden Gespräch reflektiert werden können.

 

Ich kenne einige Paare, die durch die Erfahrungen von solchen Massageritualen zu Dritt einen neuen Weg gefunden haben, diese Kultur der absichtslosen, körperlichen Berührung und des entspannten, sinnlichen Zusammenseins in ihrem Alltag zu pflegen. Sie erleben dies als wertvolle, verbindende Inseln in ihrem Alltag, die das Beziehungsband immer wieder nährt und stärkt. Es kann helfen von Vorstellungen, Erwartungen, Ausweichen, Diskussionen, Aktivitäten und Ablenkungen, die mit intimer körperlichen Nähe und Sexualität gekoppelt sein können, loszulassen und in Kontakt, ins Spüren, Entspannen und zusammen SEIN zu kommen. Ein möglicher Weg, zusammen Entspannung und Verbindung zu erleben und Liebe zu kreieren!

 

PS: Inzwischen sind die Folgen der Serie Seitentriebe nicht mehr online verfügbar, aber auf DVD erhältlich.